Zeitfenster-Info // 6.2. - 4.3.26 // Open Call für fluctoplasma 2026: humanity in (dis)solution

fluctoplasma Open Call 2026

Hier der ganze Text auch als PDF.

Seit über sechs Jahren ist fluctoplasma Hamburgs Festival für Kunst, Demokratie und Solidarität. Als Plattform für eine fluide Stadtgesellschaft versammelt das Festival künstlerische und diskursive Formate, die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar machen. Ob queer, jüdisch oder BI_PoC – fluctoplasma schafft 96 Stunden Raum für Begegnung, Auseinandersetzung und Austausch. Wir laden dazu ein, vertraute Positionen zu verlassen, Perspektiven zu wechseln und Multiperspektivität nicht nur zu denken, sondern auszuhalten – auch dort, wo sie widersprüchlich ist oder irritiert.

Diese Haltung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist eine bewusste Antwort auf eine Gegenwart, in der grundlegende gesellschaftliche Orientierungen zunehmend unter Druck geraten. Denn wir leben in einem Jahrzehnt der Disruptionen: Nationalismus erstarkt, politische Ordnungen erodieren, internationale Abkommen verlieren an Bindungskraft. Die Frage, wessen Leben als schützenswert gilt, ist keine theoretische mehr – sie wird offen im Zentrum politischer Macht entschieden. Menschenrechte gelten nicht einmal mehr rhetorisch als Konsens, sondern als verhandelbare Größe. Asyl, Schutz und Teilhabe werden global systematisch eingeschränkt. Gleichzeitig treffen technologische Systeme Entscheidungen über Sichtbarkeit, Zugang und Ausschluss, deren ethische Grundlagen ungeklärt bleiben.

Der politische Westen, wie wir ihn kannten, löst sich auf. Die normativen Fundamente der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, auf die sich Staaten 1948 – im unmittelbaren Nachhall der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs – verständigt hatten, werden systematisch demontiert. Sie beginnen mit einem radikalen Satz: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Dieser Grundsatz war jedoch nie neutral. Er stand nie außerhalb von Macht, Geschichte und Interessen. Er war nie Konsens, sondern ein Konfliktfeld. Denn Menschenrechte mussten und müssen immer wieder neu erkämpft, ausgelegt und verteidigt werden – nicht als moralische Selbstvergewisserung, sondern als politische, soziale und kulturelle Praxis. Dazu gehört ihre kritische Dekolonisierung ebenso wie ihre fortlaufende Rekonstruktion unter realen globalen Machtverhältnissen. Diese strukturelle Asymmetrie lässt sich nicht auflösen: Der radikale Anspruch der Menschenrechte stand von Beginn an im Widerspruch zu ihrer realen Geltung.

fluctoplasma war deswegen von Anfang an getrieben von der Forderung nach radikaler Menschlichkeit. Vom Aushalten der Unterschiedlichkeit im gleichzeitig radikalen Fühlen des menschlichen Gegenüber. Wir verstehen „radikale Menschlichkeit“ nicht als universale Norm oder neuen Maßstab. Der Begriff markiert vielmehr ein Konfliktfeld: Er macht sichtbar, wie Menschlichkeit historisch definiert, politisch begrenzt und sozial ungleich verteilt wird – und wer in diesen Definitionen systematisch nicht mitgemeint ist. Radikale Menschlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang keine gemeinsame Identität und kein harmonisches Wir. Sie bezeichnet die Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, wo Gewissheiten brüchig werden.

Doch was machen wir mit dieser Forderung in einer Zeit, in der die vage, offene Form von Menschlichkeit bereits offen attackiert und untergraben wird? In der Menschenrechte nicht einmal mehr scheinbar hochgehalten, sondern offen abgebaut werden?

Vor diesem Hintergrund ruft fluctoplasma 2026 das Thema “humanity in (dis)solution” aus. Der Fokus liegt dabei auf einer einfachen, aber grundlegenden Frage: Was bedeutet Menschlichkeit heute – und wie kann sie unter gegenwärtigen Bedingungen gelebt, verhandelt und neu zusammengesetzt werden?

fluctoplasma 2026 sucht daher künstlerische und diskursive Arbeiten, die Menschlichkeit nicht als abstrakten Wert verhandeln, sondern als gelebtes und umkämpftes Verhältnis: zwischen Individuen und Kollektiven, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verantwortung und Ausschluss. Uns interessieren Perspektiven, die nationale, identitäre oder ökonomische Kategorien nicht reproduzieren, sondern irritieren, verschieben oder unterlaufen.

Kunst und Kultur treten hier nicht als Trost oder symbolische Ersatzhandlung auf. Sie versprechen keine Versöhnung und keine Lösung. Vielmehr eröffnen sie Räume, in denen Gewalt, Ausschluss und Widerspruch erfahrbar bleiben – jenseits reiner Argumentation, aber ohne ihre politischen Bedingungen zu verschleiern. Kunst wird hier als Praxis verstanden: als Möglichkeit, neue Formen von Beziehung, Verantwortung und kollektiver Handlung zu erproben, ohne Konflikt zu glätten oder Differenz aufzulösen.

Wir fragen, was Menschen jenseits von Staatsbürgerschaft, Herkunft und Verwertungslogiken verbindet; wie Migration, Krieg, Digitalisierung und ökologische Krisen unser Verständnis vom Menschsein verändern; wer historisch und gegenwärtig aus dem Begriff des „Menschlichen“ ausgeschlossen wird – und welche ästhetischen Formen geeignet sind, Solidarität, Verletzbarkeit, Abhängigkeit und Widerstand sichtbar und verhandelbar zu machen.

Wir suchen Arbeiten, die sich im Spannungsfeld von Intimität und Öffentlichkeit bewegen, zwischen Körper und Struktur, zwischen Erinnerung und Zukunft. Beiträge, die Trauer nicht ästhetisch neutralisieren, die Wut nicht einsperren; die zärtliche Visionen freisetzen und Beziehungsnetze weben. Formate können diskursiv, performativ, partizipativ oder hybrid sein. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Haltung: die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten, Ambivalenzen offenzulegen und Menschlichkeit als relationale Praxis erfahrbar zu machen – im Körper, im Raum und im sozialen Gefüge.

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